Therese Schlesinger - Lebenslauf und Arbeit

zu: Am Scheideweg, Feuilleton



Therese Schlesinger, eine Kämpferin für die Gleichberechtigung der Frau, trug durch ihre Schriften und Artikel zur Bewußtseinsbildung der Gesellschaft der Ersten Republik bei. In ihren Publikationen rief sie zum Kampf gegen Ausbeutung, Unterdrückung und Benachteiligung der Arbeiterschaft auf und verschonte die Kirche und den Staat nicht mit ihrer sachbezogenen Kritik, Sie wehrte sich gegen die Ungerechtigkeit, die den Frauen der damaligen Zeit in allen Lebensbereichen widerfuhr, und setzte sich mutig für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen der Arbeiterschaft ein.

Nicht zuletzt wegen ihrer persönlichen Bildungsbenachteiligung forderte sie Verbesserungen auf dem Gebiet der Frauen- und Mädchenbildung, die über Jahrhunderte stark vernachlässigt wurde, Besonders wichtig war ihr die Bildung des Proletariats, vor allem der arbeitenden Frau. Es gelang ihr, die Bildung als Waffe gegen die Ausbeutung der Arbeiterschaft in ihren Schriften zu transportieren und trug dadurch zur gesellschaftskritischen Bewußtseinsbildung und politischen Aufklärung bei.

Therese Schlesinger, die auch heute noch ihren Mitmenschen so viel geben könnte, wuchs in der liberalen Atmosphäre eines freisinnigen jüdischen Bürgerhauses auf. Ihre Eltern, Amalie und Albert Eckstein, gaben ihr ein ausgeprägtes Verantwortungsgefühl, einen besonderen Bildungsdrang, Grundsatztreue und die Liebe zur Jugend mit. Sie lebten ihr Opferbereitschaft und Sozialgefühl vor und wiesen ihr den Weg zur praktischen Solidarität und Toleranz.

Ihr Vater, Chemiker und Erfinder, verwirklichte seine Ideen durch den blau der ersten Pergamentfabrik in Europa. Die im allgemeinen vorherrschende schlechte Arbeitssituation der eingewanderten Arbeiter versuchte ihr Vater, Albert Eckstein, in seinem Betrieb zu verbessern. Durch Arbeitszeitverkürzung und Krankenversicherung konnte er seinen Arbeitern eine Arbeitserleichterung schaffen, die sie der demokratischen Gesinnung der Familie Eckstein zu verdanken hatten. Der innige Zusammenhang des Betriebes mit dem Leben der Familie Eckstein führte zum gemeinsamen Aufwachsen der Eckstein-Kinder mit den Kindern der Arbeiterschaft. Diese Vertrautheit förderte bei den Kindern Amalie und Albert Ecksteins eine große Anteilnahme an dem Los der Arbeiter und ein tiefgreifendes Verständnis für deren Situation. Der Wunsch nach Mitarbeit zur Verbesserung ihrer Lebensbedingungen wurde besonders bei Therese zur Lebensaufgabe.

Die Kinder wurden aber auch von der Intellektualität ihres Elternhauses geprägt. Die Eltern besuchten wissenschaftliche Vorträge und pflegten den Umgang mit bedeutenden Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik und Kunst. Ihre Söhne Friedrich und Gustav, durften studieren und erlangten Bedeutung in der Wissenschaft und im Kampf gegen die Ausbeutung der Arbeiterschaft. Therese Eckstein, spätere Schlesinger, hingegen war der Besuch einer höheren Schule aufgrund des vorherrschenden Bildungssystems, wonach Frauen keinen Zutritt zu Universitäten hatten, verwehrt. Ihre Schulbildung beschränkte sich auf volks- und Bürgerschule. Der private Geschichtsunterricht, den sie zuhause erhielt und der sich vorwiegend mit der Französischen Revolution befaßte, und der Einfluß der klassischen deutschen Literatur, hier vor allem die Freiheitsdramen von Schiller, erzeugten in ihr eine Art unklaren Gefühlssozialismus.

Ihrem Bildungsdrang, dem sie beinahe versessen nachging, verdankte sie umfassendes Wissen, das weit über ihre Schulbildung hinausreichte. Vor allem nachts setzte sie sich mit politischen, rechtlichen, frauenspezifischen und ideologischen Themen auseinander. Ihre persönlichen schmerzhaften Erfahrungen hatten sie für ihr Engagement für die Zulassung weiblicher Studenten an die Universitäten und für die Volksbildung generell motiviert.

Das politische Klima in dem Therese Schlesinger heranwuchs, war einerseits von der traditionellen Monarchie und ihren Umbruchstendenzen geprägt, und andererseits durch die neu gewonnene Freiheit des einzelnen, aber auch dessen Not und Unzufriedenheit aufgrund der wirtschaftlichen und sozialen Lage im Land gekennzeichnet. Diese schwierige Situation in Österreich fand in der Persönlichkeitsbildung der jungen Therese und in ihrer Sozialisation ihrer Niederschlag.

Von der Existenz einer organisierten Arbeiterpartei erfuhr sie erst im Krankenhaus, in dem sie mit großen Schmerzen viele Monate verbringen mußte, Schlesinger wurde bei der Geburt ihrer Tochter Anna mit Rotlauf infiziert und erkrankte an Kindbettfieber. Zwei Jahre lang, in denen sie zweimal operiert wurde, war sie bettlägrig. Sie behielt ihr Leben lang ein versteiftes Hüftgelenk und ein verkürztes rechtes Bein. Diese Behinderungen verursachten ihr, besonders im Alter, große Qualen.

Die Maifeier des Proletariats, die 1890 zum ersten Mal stattfand, verfolgte sie mit großen Sympathien vom Spital aus. Ihr Interesse an öffentlichen und politischen Fragen war jedoch durch weitere schwere Schicksalsschläge für die nächsten Jahre eingeschränkt, denn als sie endlich mit Krücken gehen konnte, starb ihr Mann Victor Schlesinger nach nur 2 1/2 jähriger Ehe an Tuberkulose. Kurz darauf wurde ihre Tochter Anna schwer krank und beanspruchte sie zur Gänze.

Trotz ihrer Isolation, bedingt durch so schmerzliche Ereignisse in ihrem Leben, verfolgte Schlesinger aufmerksam die Aktivitäten der Wiener Arbeiterbewegung. Nicht ihr politisches Bewußtsein, sondern ihr eigener Wunsch nach Befreiung, der sich mit der Revolutionsromantik eines belesenen bürgerlichen Mädchens verband, motivierte sie zu einer intensiven Auseinandersetzung mit der Arbeiterbewegung. Ihre Sehnsucht, sich über ihr persönliches Unglück emporzuheben und an den großen Kämpfen ihrer Zeit teilzunehmen, wurde immer lebendiger.

Eine Beteiligung an der Arbeiterbewegung schien ihr anfangs ganz unmöglich, sie wußte auch nicht, wie sie sich Zugang verschaffen könnte und fürchtete außerdem, aufgrund ihrer bürgerlichen Herkunft zurückgewiesen zu werden.

Die Genesung ihrer Tochter schritt voran und als sich ihr eigener Gesundheitszustand stabilisierte, gelang es ihrer Freundin Marie Lang, Therese Schlesinger für die Mitarbeit im ,,Allgemeinen Österreichischen Frauenverein" zu gewinnen. Dies stellte den ersten Schritt in ihrer aktiven politischen Arbeit dar, in der sie vor allem die Verbesserung der sozial schlechter gestellen Arbeiterschaft und die Gleichberechtigung der Frauen forderte. Durch die Mitarbeit in dem bürgerlichen ,,Allgemeinen Österreichischen Frauenverein" wurde sie mit den schweren Lebensbedingungen des weiblichen Proletariats konfrontiert. Dies löste bei Schlesinger eine politische Annäherung an den Sozialismus aus und erzeugte in ihr das tiefe Verlangen, den Kampf gegen Unterdrückung und Ausbeutung an der Seite der proletarischen Frauen zu führen.

Schlesinger verließ den ,,Allgemeinen Österreichischen Frauenverein" und trat 1897 der sozialdemokratischen Partei bei. Nach mühevollem Vertrautwerden mit den Grundsätzen und Theorien der Sozialdemokratie, begann sie in der "Arbeiterzeitung" zu publizieren. Ihre schriftstellerischen Aktivitäten wurden umfangreicher und interessanter, da sie ein breites Spektrum an politischen und gesellschaftskritischen Themen behandelte, die ihr die Möglichkeiten gaben, ihren eigenen Bildungshunger autodidaktisch zu stillen. Im Rahmen ihrer Agitationsarbeit für die Partei beteiligte sie sich an den Wahlkampfreranstaltungen und forderte das Wahlrecht auch für die Frau.

Sie hielt Kurse und Vorträge für die Weiterbildung der Arbeiterfrauen und nahm als Delegierte an der 1. Frauenreichskonferenz der Sozialdemokraten teil, auf der der Beschluß gefaßt wurde, das weibliche Proletariat durch eigene Frauensektionen in den Gewerkschaften zu organisieren.

Durch die intensive gewerkschaftliche Arbeit, die Schlesinger nun aufnahm, gewann sie Einblick in das Wesen der Lohnarbeit und in die Gedankenwelt des Proletariats. Schlesinger forderte auf gewerkschaftlichen Veranstaltungen die politische Gleichstellung der Arbeiterfrau und Maßnahmen gegen die Ausbeutung ihrer Arbeitskraft.

Neben der Verbesserung der Lebenssituation für die Arbeiterschaft war die Mädchen- und Frauenbildung eines ihrer Hauptanliegen an den Staat, an die Gesellschaft und auch an die betroffenen Arbeiterfauen selbst. Sie erkannte, daß nur ausreichende Bildung und durch die damit verbundene Aufklärung das Proletariat aus der Knechtschaft führen konnte. Für diese politische Bewußtseinsbildung trat Schlesinger in ihren Schriften und Feuilletons immer wieder ein.

Therese Schlesinger wurde als eine der ersten Sozialdemokratinnen am 4, März 1919 im österreichischen Parlament für die Konstituierende Nationalversammlung angelobt. Ihr erster Antrag, den sie im Ausschuß für Erziehung und Unterricht stellte, war die Zulassung weiblicher Schüler zu den Unterrichtsanstalten aller Kategorien.

Am 10.11.1920 erfolgte ihre Angelobung als Mitglied des Nationalrats, in dem sie sich besonders für die Mädchenbildung und den Kinder- und Jugendschutz einsetzte. Sie wechselte 1923 in den Bundesrat, dem sie bis zum 5.12.1930 angehörte.

Als eine der ersten Frauen in der österreichischen Regierung kam ihrer politischen Arbeit ein besonderer Stellenwert zu. Ihre Themen, die sie in ihren Publikationen zur Diskussion stellte, transportierten ihre Intention zur Bildung und Aufklärung ihrer Leserschaft. Durch ihren brillianten Schreibstil stellte sie politische Sachverhalte witzig, zynisch oder aggressiv dar, und regte dadurch politisch Desinteressierte zum Lesen vor allem ihrer Feuilletons an.

1933 schied sie aus Altersgründen aus dem Parteivorstand aus. Ihre jüdische Herkunft zwang Therese Schlesinger mit 76 Jahren nach Frankreich zu emigrieren, wo sie 1940 starb.

Aus: Jaindl, Birgit 1994: Therese Schlesinger (Diplomarbeit Uni Wien)



[an error occurred while processing this directive]